Besser leben - Sandra Linde

Magersucht: Das Zerrbild im Spiegel

Essstörungen und ihre vielen Gesichter sind ein Phänomen unserer modernen Zeit. Magersucht ein Ventil für die Seele, um psychischen Druck ablassen zu können. Ich war siebzehn Jahre alt, als der Kampf gegen mich selbst begann.

Viele Ursachen waren dafür verantwortlich, dass ich an Magersucht erkrankte, aber es gab zwei konkrete Auslöser: Liebeskummer und schulisches Versagen. Die Tatsache, das Klassenziel nicht erreicht zu haben, war, obwohl es lange vorher absehbar war, dann doch eine Katastrophe für mich. Ich hatte versagt, den Anschluss an die anderen verloren, und erst in den Sommerferien wurde mir das so richtig bewusst. Hinzu kam, dass ich erkennen musste, dass der Junge, in den ich verliebt war, mich eigentlich gar nicht wollte. Damit war das Maß für meine Seele voll.

Der Motor der Magersucht

Ich hatte schon einige Wochen vorher sehr wenig gegessen, weil ich aufgrund der psychischen Belastungen keinen Appetit mehr hatte. Aber dann kam der Tag, an dem ich regelrecht beschlossen hatte, nichts mehr zu essen. Ich brauchte dringend ein Gebiet, ähnlich einer sportlichen Disziplin, auf dem niemand mir das Wasser reichen konnte. Ich hatte ansonsten ja nichts vorzuweisen im Moment, so dachte ich. Im Nicht-Essen wurde ich die Beste in meinem sozialen Umfeld. Niemand konnte das so gut wie ich. Niemand war stark genug, Hunger und Appetit etwas entgegen zu setzen. Dieses Gefühl hat mir geholfen, über das Versagen in der Schule und den Liebeskummer hinwegzukommen.

Gestörte Selbstwahrnehmung

Eigentlich ein kluger Schachzug, den meine Psyche sich da ausgedacht hatte, um zu kompensieren. Doch selbst nachdem ich keinen Liebeskummer mehr hatte, und sich meine schulischen Leistungen dann stetig und deutlich verbessert hatten, kam ich aus diesem Gedankenkorsett nicht mehr raus. Und obwohl es zu Beginn keineswegs um ein sogenanntes „Schönheitsideal“ ging, war es dann plötzlich doch wichtig, dünn zu sein und immer dünner zu werden. Ich hatte eine gestörte Wahrnehmung von meinem Körper, das, was alle Magersüchtigen gemeinsam haben. Obwohl ich andere Frauen in meinem Umfeld keineswegs zu dick fand, war ich immer zu dick. Und selbst als sich nach zwei bis drei Jahren erste körperliche Probleme, beispielsweise mit den Nieren, einstellten, konnte ich den Teufelskreis nicht mehr durchbrechen.

Etwa fünf Jahre meines Lebens hat die Magersucht meinen Alltag bestimmt. Inzwischen hatte ich mein Studium begonnen, einen anderen Freundeskreis und einen Partner. Und erst dann löste sich die Magersucht sukzessive auf. Ich konnte langsam wieder ohne schlechtes Gewissen essen und mich in meinem Körper wohlfühlen. Bis heute ist allerdings ein sehr kritischer Blick auf meinen Körper geblieben. Eine Tatsache, mit der ich leben kann, solange ich nicht wieder aktiv gegen meinen Körper vorgehe.

Fotocredit: (c) iStock.com/KatarzynaBialasiewicz


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Barbara De Sousa Teixeira

Mag. Barbara De Sousa Teixeira

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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