Besser leben - Sabine Otremba

Lebensmitte: Wunsch und Wirklichkeit

Über die Lebensmitte wird im Sinne der Midlife-Crisis gerne mal gewitzelt. Etwa über Frauen, die sich plötzlich in den Leoparden-Minirock zwängen und jeden Selbstfindungsworkshop mitnehmen, den das Leben zu bieten hat. Oder über Männer, die sich plötzlich auf alles stürzen, was sie in den Jahren als Familienvater und Ehemann versäumt haben. Dabei birgt Lebensmitte tatsächlich einige Fallstricke und das nicht nur, weil uns die Zeit davonzurennen scheint.

In der Lebensmitte sind wir vermeintlich angekommen und haben unser Leben voll im Griff. So dachten wir uns so sollte es sein. Doch dann spielt uns das Leben einen Ball zu, der all unsere Pläne über den Haufen wirft. Krankheit, Scheidung, Jobverlust – „die Einschläge kommen näher“, sagen wir lapidar. Alles hinfällig, was wir für diesen Lebensabschnitt geplant hatten. Wie gehen wir am besten mit den Fallstricken in der Lebensmitte um? Und wie bringen wir Wunsch und Wirklichkeit unter einen Hut? Wir haben mit Instahelp-Psychologin Isabelle Diwoky darüber gesprochen.

In der Lebensmitte ernten wir, was wir gesät haben?

Wenn uns in der Lebensmitte unvorhergesehene Ereignisse aus der Bahn werfen, fühlen wir uns betrogen. War es nicht der unausgesprochene Deal, dass wir uns im Berufs- und im Familienleben sowie in der Partnerschaft nur ordentlich reinhängen, damit wir ab der Lebensmitte endlich das ernten können, was wir all die Jahre mühsam gesät haben? Und nun kommt alles ganz anders. Ist es verständlich, dass wir da enttäuscht sind? Oder haben wir zu lange in einer Art Märchen gelebt und müssen nun erkennen, dass der Prinz auf dem weißen Ross [alternativ: die Beförderung, die harmonische Ehe etc.] einfach nicht kommt?

Isabelle Diwoky: Ja, es ist verständlich, dass sich da Enttäuschung breitmacht. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, so haben wir es schließlich gelernt und brav gearbeitet, geschaffen, aufgebaut, mit dem Plan dann zu ernten. Gemeinsam „In guten wie in schlechten Zeiten“, das haben wir uns versprochen, aber es ist nur bei den lauwarmen Zeiten geblieben, und bei den schlechten kam das Ende. „Es gibt den/die perfekte PartnerIn, hab Geduld“ haben wir uns immer beruhigt- aber er oder sie ist einfach nie aufgetaucht, nur viele Frösche oder Froschdamen… Na sicher kommt da die Enttäuschung. Ent-täuschung ist die Erkenntnis, dass man sich getäuscht hat. Das kann eine sehr unangenehme Erkenntnis sein.

Hat alles einen Sinn?

Es ist hilfreich und stärkend, einen Sinn in dem sehen zu können, was uns widerfährt. Nur gelingt das leider nicht immer. Dann gesellen sich zur Last der Situation, mit der wir plötzlich konfrontiert sind, auch noch Schuldgefühle, weil wir dem Ganzen nichts Gutes abgewinnen können. Ist es legitim, wenn wir die Suche nach dem Sinn manchmal ad acta legen? Und erst irgendwann, sehr viel später, nach dem Guten aus diesem Erlebnis suchen? Müssen wir überhaupt immer nach dem Guten in einer jeden Situation suchen?

Isabelle Dowoky: Im Moment ist es total in Ordnung, sich dem Wust an negativen Gefühlen hinzugeben, die eine große Enttäuschung mit sich bringt: Ärger, Trauer, Verlust, Wut, Angst, Scham, Schuld… Die Sinnfrage stellt sich in diesem Kuddelmuddel (noch) nicht. Dafür ist (noch) kein Platz. In dem Moment, in der schlimmen Anfangszeit, gibt es nichts, aber auch gar nichts Gutes an dem Ganzen. Erst später mal, vielleicht. Hoffentlich. Und dann, ja dann hat es etwas sehr Heilsames, sich ernsthaft die Frage nach dem Sinn des Erlebten zu stellen. Denn wer ernsthaft sucht, der wird auch finden und daran wachsen können. Manchmal alleine, manchmal mit Unterstützung.

Ist es in Ordnung, einfach mal nicht weiterzuwissen?

In der Lebensmitte wissen wir, wie der Hase läuft. Wir haben ja schließlich genug Lebenserfahrung. Dachten wir. Dummerweise hat uns auf die Situationen, mit denen wir nun konfrontiert werden, niemand vorbereitet.

Isabelle Diwoky: Ja, es ist in Ordnung, mal nicht weiterzuwissen. Weg mit der irrationalen Überzeugung, dass ich immer einen Plan haben muss, dass ich auf alles vorbereitet sein kann was das Leben da so bringen mag. Es ist ok, überfordert zu sein und zu sagen: „ich weiß nicht weiter“. Das ist- in jedem Alter- nicht nur in Ordnung, sondern auch ehrlich und mutig.

Wie gehen wir mit dem Kontrollverlust um?

Der Kontrollverlust, wenn uns die Dinge entgleiten, ist Furcht einflößend. Und es ist nicht unbedingt hilfreich zu sehen, wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Die einen ziehen sich die Decke über den Kopf und müssen buchstäblich aufgepäppelt werden, andere stürzen sich sofort in den Alltag und organisieren alles, was ansteht. Wie finden wir den für uns richtigen Weg, um mit Situationen, die uns entgleiten, umzugehen? Und wie überwinden wir die Scham, eingestehen zu müssen, dass wir in der Lebensmitte eben nicht alles unter Kontrolle haben?

Isabelle Diwoky: Wenn uns die Dinge entgleiten, wenn nichts mehr so läuft wie es geplant war, dann machen sich die unterschiedlichsten Gedanken und Handlungstendenzen in einem breit. Weitermachen wie bisher, um jeden Preis; flüchten und verstecken; Hilfe suchen… In all dem überfordernden Kuddelmuddel einen klaren Kopf zu bewahren kann schwer bis unmöglich sein… aber wichtig um nicht notwendige Schritte zu verpassen. Wenn selbst zu durcheinander dafür, ist es jedenfalls gut, einer hilfreichen neutralen Person die Situation zu schildern, die sich mit einem und für einen dann an die Klärung machen kann.

Über die Anspruchshaltung, alles im Griff zu haben

Nicht nur in der Lebensmitte haben wir den Anspruch, unser Leben zu jeder Zeit im Griff zu haben. Wie können wir uns von dieser Anspruchshaltung befreien? Oder gibt es doch einen Trick, um dem Leben unsere Regeln aufzuzwingen?

Isabelle Diwoky: In einer unerwarteten schweren Situation bricht die Illusion zusammen, dass man „alles im Griff“ hat. Das war es aber immerzu: eine Illusion. (Selbst-)Täuschung. Unter Kontrolle hat man nur einen kleinen Teil des Lebens- und das ist auch ok so. „Life is what happes while you are making other plans“… Weg mit dem Gedanken, alles im Griff zu haben- im Griff haben zu können und zu müssen weil „man eben alles im Griff zu haben hat“. Die Kontroll(versuche) aufgeben über Dinge, die man nicht kontrollieren kann, ist für viele sehr schwierig und benötigt hilfreiche Unterstützung.

Eine irrationale Überzeugung wie die dauernder Kontrolle aufzugeben kann zuerst eine sehr erschreckende und dann sehr lohnende, befreiende Erfahrung sein- eine Last wird von den Schultern gelegt. Ich bin nicht für alles verantwortlich. Ich kann nichts dafür. Ich bin nicht Schuld. Ich bin ich, und bin ok so wie ich bin. Wer zu dieser Erkenntnis kommt, braucht keine Tricks mehr.

Fotocredits: iStock.com/Mimadeo


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Dipl.-Psych. Susann Müller

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